Tierschutz

Ein Blick auf den Tierschutz in Italien

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Wir sind seit einem Jahr im Tierschutz aktiv und in diesem Jahr habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Menschen der Meinung sind, auch im restlichen Italien wäre die Situation ähnlich wie bei uns in Südtirol – nur dass es eben sehr viel mehr Tiere auf den dortigen Straßen gibt. Dem ist aber leider nicht so! Wie Tierschutz in Italien (gerade im Süden) aussieht und was das System „canile“ ist, dass erfährst du jetzt. Los geht’s!

Warum gibt es so viele Streuner in Italien?

Streuner gibt es in vielen europäischen Ländern: Spanien, Griechenland, Rumänien, Ungarn, Weißrussland – und auch in Italien. Aber wie ist dieses Problem eigentlich ursprünglich entstanden und wann sprechen wir von eigentlich von Streunern?

In Italien gibt es laut Schätzungen der LAV aus dem Jahr 2018 etwa zwischen 500.000 und 700.000 Streuner (siehe Artikel) und frei-lebende Hunde. Gerade im Süden hat die Zahl ein dramatisches Ausmaß erreicht, wobei aber nicht alle Hunde, die man dort auf den Straßen antreffen kann, wirklich Streuner sind (also seit Monaten auf der Straße leben und sich dort durchschlagen).

Woher kommen die vielen Hunde auf den Straßen?

Im Süden haben die Menschen eine andere Mentalität und viele Besitzerhunde dürfen sich frei und ohne Leine bewegen. Gerade das ist ein Grund dafür, dass es immer mehr Hunde auf Italiens Straßen gibt; denn Kastration ist für die meisten Süditalien ein Fremdwort bzw. entspricht einfach nicht der „Natur des Hundes“. Aus diesem Grund kommt es immer wieder zu unkontrollierter Vermehrung: Rüden laufen frei herum oder büxen aus und decken frei-lebende Hündinnen. Und so werden jedes Jahr zahlreiche anonyme Streuner geboren!

Ein weiteres Problem zusätzlich zu den Hunden, die auf der Straße geboren werden, sind die Hunde, die ausgesetzt werden. Gerade in den Sommermonaten werden jedes Jahr unzählige Hunde ausgesetzt, die LAV spricht italienweit von 50.000 ausgesetzten Hunden jedes Jahr.

Freilaufende Besitzerhunde, Streuner & herrenlose Hunde

Ausgesetzt werden die Hunde aber nicht nur, weil die Menschen in den Urlaub fahren oder der Hund einfach zu groß oder lästig geworden ist – sondern auch, weil der Hund in den Augen vieler Süditaliener ein Arbeitstier ist. Zeigt ein Hund also keine jagdlichen Qualitäten, wird er weggeworfen, aufgehängt oder ausgesetzt (und das obwohl seit Inkrafttreten des italienischen Tierschutzgesetzes 281/1991 das Aussetzen von Hunden mit einer Geldbuße von 10.000 Euro oder bis zu 1 Jahr Gefängnis geahndet werden kann; bizarr!). Auch Besitzerhündinnen, die sich frei bewegen dürfen und dabei gedeckt wurden, werden häufig – schon vor oder spätestens mit der Geburt ihrer Welpen – ausgesetzt!

Tötungsstationen sind seit 1991 in Italien verboten!

Dieses Problem besteht auch in anderen Ländern Europas, doch dort (u.a. Spanien, Ungarn) existieren immer noch sog. Tötungsstationen. Diese waren bis 1991 in Italien auch Gang und Gebe: Hunde wurden von der Straße eingefangen und für 2 Wochen aufbewahrt, um so den etwaigen Besitzern die Möglichkeit zu geben, ihre Hunde wieder nach Hause bringen zu können. Hat den Hund niemand geholt, wurde er nach Ablauf dieser Frist getötet. So war es bis 2007 u.a. auch in Rumänien der Fall.

Die Folgen des italienischen Tierschutzgesetzes

Die Situation im Süden ist absonderlich: Obwohl Italien auf dem Papier eines der besten Tierschutzgesetze der Welt hat und die italienischen Gemeinden jährlich Abermillionen Euro für die Tierheime, die sog. „canili“ ausgeben, scheint sich an der aussichtslosen Situation für die Hunde nichts zu ändern. Erst wenn du mit Tierschützern vor Ort spricht, erfährst du, wie sich das Gesetz wirklich ausgewirkt hat und welche Konsequenzen daraus entstanden sind.

„Das Ergebnis ist ein nationales Tierschutzgesetz, was besser ist als das der Schweiz und dem auch das deutsche Tierschutzgesetz in mancherlei Hinsicht nicht das Wasser reichen kann. So besteht z. B. eine Kennzeichnungspflicht für Hunde (Chip). Das Einschläfern aus nichtigen Gründen ist nicht mehr erlaubt. Und: Amtstierärzte sind verpflichtet, Fundtiere kostenlos zu kastrieren. Doch was nutzt die lobenswerte Theorie, wenn deren Umsetzung häufig wirkungslos bleibt?“

Inselhunde.de

Am 14. August 1991 wurde in Italien das Tierschutzgesetz eingeführt, welches das Töten von Hunden verbietet. Ab diesem Zeitpunkt durften die vom Hundefänger eingefangene Hunde also nicht mehr getötet werden, sondern müssen untergebracht und versorgt werden. Doch die wenigen Tierschutzvereine und Tierheim, die es damals in Italien gab, waren mit der Unterbringung und der Versorgung der Straßenhunde überfordert – und so wurden Private mit dem Unterhalt der Auffanglager betraut und es entstand eine neue, grausame Geschäftsidee: Das Einlagern von Hunden in „canili“! Da fängt das eigentliche Elend der Straßenhunde an, an dem heute viele Menschen verdienen!

Das Geschäft mit heimatlosen Hunden: Sieht so Tierschutz in Italien aus?

Das Hunde ein großes Geschäft sind, beweisen uns nicht nur aktuelle Zahlen, die die Universität Göttingen 2019 veröffentlichte. Demnach ist die Hundehaltung in Deutschland für einen jährlichen Umsatz von ca. 5,6 Mrd. Euro verantwortlich und an der Hundehaltung hängen 100.000 Arbeitsplätze. Die Zahlen sind seit den letzten Studien der Universtität im Jahr 2006 und 2014 weiter gestiegen. Das hat längst die sog. „Welpenmafia“ erkannt, die unter erbärmlichen Umständen vor allem in Osteuropa Hunde züchtet und aus dem Kofferraum in Deutschland verkauft. Es lockt das schnelle Geld!

Auch in Süditalien herrscht eine scheinbar grenzenlosen Geldgier – und so hat sich seit Inkrafttreten des Tierschutzgesetzes ein Tierheim-System etabliert, welches den Hund als reine Gelddruckmaschine nutzt. Ich selbst habe die Situation in den „Canili“ vor Ort nicht persönlich gesehen, doch es gibt zahlreiche Tierschützer, die darüber berichten. Aber was ist nun eigentlich das lukrative Geschäft, welches mit den Streunern getrieben wird?

Das Elend in den Tierheimen, den sog. „canili“

Es könnte eigentlich ganz einfach sein: Die Hundefänger fangen heimatlose Streuner und ausgesetzte Hunde ein, bringen sie in ein Canile, wo die Hunde aufgepeppelt und kastriert – und später vermittelt werden. Bis dahin kommt die jeweilige Gemeinde, die dafür finanzielle Mittel von Seiten der Region und des Staates zur Verfügung gestellt bekommt (laut Berichten etwa 1,80 -7,00 € pro Hund und Tag), für die Hunde im örtlichen Tierheim auf. So hat man es sich gewünscht, als man das Tierschutzgesetz im August 1991 unterzeichnete. Wie sich die Situation seitdem entwickelt hat, zeigt auch diese Präsentation von Dr. Rosalba Matassa (Gesundheitsministerium) aus dem Jahr 2008.

Die Regionen wären laut Gesetz dazu verpflichtet, die bestehenden Tierheime „canili“ zu sanieren und für die Hunde gute Lebensbedingungen und sanitäre Standards zu schaffen. Die Gemeinden sind ebenso für Sanierungen und Neubauten von Tierheimen verantwortlich. Dafür wurde ein Fonds eingerichtet, der im Jahr 2007 beispielsweise 4.986.000 € für diese Zwecke zur Verfügung gestellt hat (siehe Gesundheitsministerium). Und hier schlägt die gierige Natur einiger Menschen durch, denen Tierschutz und das Leben der Streuner egal ist. Das Hundemagazin hat in einem seiner Artikel in 2016 folgendes geschrieben:

„Denn mit den armen Geschöpfen wird ein makabres, sehr lukratives Geschäft gemacht – es ist das «System Canile». Unter dem Schlagwort «emergenza randagismo» werden seit 1991 Millionen von Steuergeldern im Namen des Tierschutzes unterschlagen.“

Hundemagazin.ch

Findige und gewissenlose Unternehmer haben erkannt, dass sie an den Straßenhunden verdienen können. So pferchen sie die Hunde in provisorischen Tierheimen, Industriearealen und alten Schlachtfabriken auf engstem Raum zusammen, versorgen sie notdürftig mit dem Nötigsten, sodass ihre Einnahmequelle am Leben bleibt, doch kümmern sie sich nicht weiter um die Tiere. Es gibt keine medizinische Versorgung und kranke und alte Hunde werden einfach inmitten der anderen Hunde zum Sterben liegen gelassen. Dafür bekommen die Tierheimbetreiber pro Hund und Tag zwischen 1,80 – 7€.

Bei der Recherche zu diesem Thema sieht man Videos und Bilder, die niemand sehen möchte! Die auf dieser Welt nicht existieren sollten: Kranke Hunde, Hunde ohne Gliedmaßen, die gequält vor sich hinsiechen, erbärmliche Kreaturen ohne Aussicht auf Hoffnung, angstliche Hunde, gedemütigte Geschöpfe, die aus Verzweiflung schreien, die Schmerzen haben (ob aufgrund aufgequollener Gliedmaßen, Beißereien, Krebs, Räude uvm.) und nicht versorgt werden. Eine frühere Mitarbeiterin eines canile erzählt in einem Video, dass sie pro Tag für ihre 600 Hunde etwa 2.200€ zur Verfügung gestellt bekommen. Im Monat sind das hochgerechnet etwa 66.000€. Davon werden aber nur etwa 10.000€ wirklich für die Hunde und deren notdürftige Versorgung ausgegeben, der Rest wandern in die Kassen der Tierheimbetreiber, Bürgermeister und Regionalpolitiker!

ACHTUNG! – Nichts für schwache Nerven
Hundehölle in Apulien Teil 1 
Video Task Force Ministero salute 
Bericht auf Brisant  
Video auf Fanpage

Ich habe auch Caterina Semerano von der Associazione Adozione Argo dazu befragt, die selbst mehrere Canile besucht hat, um Hunde von dort zu befreien. Nur unter Tränen konnte Sie mir von Ihren Erlebnissen erzählen:

„Sono andata nei canili, nei grandi canili. Non basta solo il cibo, l’acqua e la pulizia. Il cane ha bisogno di contatto e della carezza. Tu entra in questi canili dove vedi degli sguardi spaventati, vedi il cane arrabbiato, il cane umiliato e poi c’è quello socievole, ma quello é di indole socievole – ma urlano. Urlano tutti. Li dobbiamo togliere dal canile!

Caterina Semerano, Associazione Adozione Argo (KR)

So sehen also die Folgen des gut gemeinten Tierschutzgesetzes aus:  1,2 Millionen Streuner und 650.000 Hunde in Tierheimen. In Deutschland sind es im Vergleich dazu etwa 250.000 Hunde in Tierheimen. Und aufgrund der finanziellen Mittel, werden die eingefangenen Hunde natürlich von den privaten Tierheim-Betreibern nicht kastriert, sodass ihre Geldquelle nie versiegen möge. An diesem trostlosen Ort gibt es keine Hoffnung: Um den Gewinn weiter zu steigern, überschreiten fast alle Betreiber die Kapazitätsgrenzen und so sind in einigen Tierheimen weit über 1.000, in manchen bis zu 2.000 Hunde eingesperrt!

Was kann Tierschutz in Italien?

Nur trächtige oder läufige Hündinnen finden einen Weg aus einem Canile – andere Adoptionen finden kaum statt, sind sogar unerwünscht. Stefan Weber, Schweizer Tierschützerfür den Verein „Tierärzte im Einsatz“ wirft einigen Canile-Betreibern vor, in den Lagern die Tiere massenhaft zu vermehren und dann regelmäßig Tausende wieder auszusetzen. So bliebe die Zahl der Herrenlosen ständig hoch und der Streuner-Notstand auf den Straßen gut sichtbar. Das hat bspw. in Apulien dazu geführt, dass sich seit Eintreten des Gesetzes vor 20 Jahren die Zahl der herrenlosen Hunde von 20.000 auf beinahe 160.000 Hunde verachtfacht hat. Erst seit diesem Jahr (2020) versucht wenigsten die Region Apulien diesen mafiösen Machenschaften einen Riegel vorzuschieben – in anderen Regionen des Südens läuft das Geschäft fein weiter. Wer hier einen Tierschutzverein gründet und Hunde zur Adoption freigibt, der muss schon fast lebensmüde sein; dessen Auto wird abgefackelt, der wird bedroht, von den Behörden schikaniert – der legt sich mit der Mafia an! 

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann schau dir diesen spannenden Bericht von Claudia Röck aus dem Jahr 2008 an. Außerdem kann ich dir diese Berichte zum Thema empfehlen:

Quellenangaben:
LEGGE REGIONALE 3 marzo 2000, n. 4
LEGGE REGIONALE 5 maggio 1990, n. 41
Felina sicily – Tierschutzgesetz Italien
Tierheimalltag Süditalien
Heimtierstudie 2019 Universität Göttingen
Hundemagazin.ch – Das System Canile
AGI – Randagismo in Italia

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